Wertewandel – zwischen Gewinnstreben und Verantwortung

10.11.2006

Wertewandel – zwischen Gewinnstreben und Verantwortung

von Sabine Mertens

Wertewandel – zwischen Gewinnstreben und Verantwortung

Ein buddhistischer Bettelmönch und eine Vertreterin der wirtschaftlichen Elite im Gespräch – gibt es krassere Gegensätze? Was hat Ökonomie mit Spiritualität zu tun?

Im Zuge der Aufdeckung des Korruptionsskandals um den Energieriesen Enron, der das Beratungsunternehmen Arthur Andersen mit in den Abgrund riß und eine bis heute ungebrochene Welle von Massenentlassungen nach sich zog, verloren vor einigen Jahren innerhalb weniger Wochen mehr als 80 Tsd. Menschen weltweit ihre Jobs. Entlassen wurden sie in eine unsichere Zukunft.

Eine von ihnen war Stefanie Unger. Als Junior Consultant bei Andersen erlebte sie den Zusammenbruch hautnah. Damals nahm sie sich vor herauszufinden, wie man in Unternehmen eine Vertrauenskultur schaffen könnte, bevor Korruption, Betrug und Erpressung Fuß fassen können, denn einmal verlorenes Vertrauen wieder zu gewinnen, so weiß sie, ist schwer bis unmöglich.

Seit ihrer Rückkehr nach Deutschland befragte sie Vorstände, Politiker, Medienvertreter zu den Themen Vertrauen und Kontrolle. Die Ergebnisse fasste sie in einem Buch zusammen und gründete eine Wertekommission. Aus ihren unzähligen Gesprächen weiß sie: zwischen dem, was Vorgesetzte über ihre Unternehmen glauben und der Realität der Mitarbeiter liegen manchmal Welten.

Claude AnShin Thomas, Vietnamveteran mit einem Masters Degree in Wirtschaft und ebenfalls Buchautor, sieht den Niedergang von Enron und Arthur Andersen nicht als separaten Einzelfall, sondern als Spiegelbild unserer Kultur. Wir sollten nicht fragen „Was habe ich damit zu tun?!“, denn getrennt sein ist eine Illusion, sagt er und fragt gleich weiter: „Wieviel ist genug?“ Wir in den Herrschaftskulturen besitzen unsere materiellen Vorteile auf Kosten anderer, findet er. Je mehr wir hier besitzen, desto weniger hat ein anderer, z.B. in einem Entwicklungsland. Unsere gnadenlose Ausbeutung der Natur erschöpft obendrein die Ressourcen. Die Folgen sind Kriege und Leiden für viele. Die Wurzeln des Leidens ortet er in unserer Gier. „Wenn die Ökonomie sich ändern soll, müssen die Menschen sich ändern und aufwachen gegenüber ihrem selbstsüchtigen Verlangen und der Ignoranz. Ein Wertekanon ist kein intellektuelles Konzept“, sagt er. Wirklich zu erfahren, auf welche Werte es einem ankomme, erfordere spirituelle Disziplin und Praxis.

Das hat Ökonomie mit Spiritualität zu tun. „Nicht die Unternehmen oder die Ökonomie sind das Problem. Ökonomie ist eine Reflexion dessen, wie wir als Individuen leben.“ Die Lehre von Ursache und Wirkung müssten wir begreifen, das Leben anders leben wollen, sagt der Bettelmönch. Aus seiner eigenen leidvollen Erfahrung im Vietnamkrieg und auf Pilgerreisen weiß Claude AnShin Thomas, wie er und wir alle konditioniert sind: unseren Wert nach Leistung und Besitz zu messen, uns getrennt zu glauben. Er selbst besitzt weder eine Versicherung, Rücklagen oder gar ein zu Hause. Seit 1994 ist er ungefähr 26 Tsd. km gepilgert. Dabei lebt er bequem von dem was andere übrig lassen. Manche Leute werfen die Reste ihres Essens lieber weg, als sie ihm zu geben. Das ist schmerzhaft, aber der Mönch erbettelt alles und verhandelt nicht.

Er bleibt dabei: getrennt sein ist eine Illusion, aber die gegenseitige Verbundenheit zu spüren und zu akzeptieren fällt manchen Menschen schwer und macht Angst. Auch Veränderungen machen Angst. Wenn wir die Angst überwinden können, werden wir eine Chance haben, uns zu ändern, Fortschritte zu machen. Das wäre dann echter Fortschritt. Nicht „weil es geht“, sondern aus sozialer Verantwortung heraus.

Unternehmen werden von Individuen geführt, die Entscheidungen treffen, und wo entschieden wird, müssen auch Alternativen erwogen werden. Andere Möglichkeiten, als Massen in die Armut zu entlassen gibt es genug – von der Gewinnbeteiligung der Mitarbeiter an ihren Unternehmen bis hin zum Bürgergeld. Gewinnstreben und soziale Verantwortung müssen sich also nicht ausschließen.

Stefanie Unger glaubt allerdings nicht, dass erzwungene Umverteilung von Besitztümern Kriege beenden wird. Streit entstehe auch durch „Haben“, sagt sie. Daß jeder eine Chance hat, davon ist sie überzeugt. Das Glas ist halb voll, die Globalisierung nicht ein neuer Fluch der Menschheit, sondern Chance für Wirtschaftswachstum und Entwicklung. Die zu nutzen und dann gemeinsam Maßhalten. Das wäre eine Option für die Zukunft.

Fertige Lösungen haben beide nicht, aber Lebenserfahrung. Und ins Gespräch kommen und bleiben ist doch schon mal der Anfang vom Ende des Getrennt seins. Beide verbindet das Bewusstsein über die Notwendigkeit von Veränderungen und die Entschlossenheit, persönlich etwas zu tun.

Claude AnShin Thomas hat sein Gelübde gegeben und wird weiterhin bettelnd durch die Krisengebiete dieser Welt ziehen. Stefanie Unger möchte neutrale Beiräte aus Wissenschaft, Kirche, Politik und Medien in Großunternehmen etablieren. Unternehmen sollen Gewinne machen. Verschiedene Modelle sind denkbar, wie Führungskräfte zusammen mit ihren Mitarbeitern in Erfahrung bringen, welche Werte sie haben und dann gemeinsam dafür sorgen können, dass sie im Unternehmen auch gelebt werden.

Letzten Endes ist Verantwortung nicht delegierbar. Verantwortung beginnt mit Eigenverantwortung, Führung mit Selbstführung. Diese Grundsätze gelten für Führungskräfte in Unternehmen jeder Größenordnung, also auch für den Mittelstand. Was „wertebasierte Führung“ sein kann, wird der weitere Dialog zwischen Bettelmönch und Vertretern der Wirtschaft zeigen: im nächsten Jahr ist ein Seminar für Führungskräfte geplant.

Ansprechpartnerin dafür bin ich als Vorsitzende der Bildungskommission im Bundesverband mittelständische Wirtschaft Nord und Initiatorin des hier beschriebenen Dialoges in der Hamburger St. Katharinenkirche. Die Bildungskommission hat zum Thema „Werte“ eine Projektgruppe eingerichtet. Der Dialog zwischen Claude AnShin Thomas und Stefanie Unger war ein erstes Glanzlicht in einer Reihe von weiteren geplanten Veranstaltungen zum Thema.

Sabine Mertens, Jg. 1957, Trainerin, Berater, Coach in Hamburg. Ich arbeite mit Großkonzernen, mittelständischen Unternehmen & Einzelpersonen. Mein Schwerpunkt ist die Potentialdiagnostik & –entwicklung. Persönliche Bestleistungen, Extremerfahrungen & individuelle Lebensentwürfe begeistern mich. Die Erfahrungen Anderer spornen mich zu interdisziplinärem Austausch & zum Lernen an, deshalb habe ich den Dialog „zwischen zwei Welten“ angeregt.

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